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Wenn die Depression auf den Körper schlägt

Hinter körperlichen Beschwerden wie Rücken- und Kopfschmerzen oder Tinnitus kann sich eine Depression verbergen. Dann wird die psychische Erkrankung häufig lange nicht erkannt
von Ulrich Kraft, aktualisiert am 01.09.2016

Stillstand: Depressionen trüben den Blick auf das Leben

istock/northlightimages

Bis vor einem halben Jahr war Renate H. das, was man neudeutsch als "Silver Ager" bezeichnet. Eine Frau Ende 50, körperlich fit, mit vielfältigen Interessen, stets am Puls der Zeit und immer für einen Spaß zu haben. Doch dann klagte sie mehr und mehr über Rückenschmerzen. Fragte ihr Mann, ob sie am Wochenende Wandern gehen wollen – ihr großes gemeinsames Hobby –, zuckte sie nur müde mit den Schultern: Eigentlich gerne, aber wenn das Kreuz derart weh tut… Ein Ding der Unmöglichkeit. Auch die Kopfschmerzen, die sie schon früher gelegentlich hatte, waren inzwischen zum ständigen Begleiter geworden. Nachts schlief sie schlecht, tagsüber lag Renate H. meist bedrückt auf dem Sofa, fühlte sich minderwertig und blickte voller Sorgen in die Zukunft. Ist ja kein Wunder, dass mir meine gesundheitlichen Probleme auf die Seele schlagen, dachte sie sich.

Larvierte oder somatisierte Depression

Tatsächlich verhielt es sich eher andersherum. Renate H. litt an einer sogenannten larvierten Depression, die sich vor allem durch körperliche Symptome wie Schmerzen bemerkbar macht. Mediziner verwenden in solchen Fällen heute eher den Fachbegriff einer vegetativen oder somatisierten Depression. Um das Begriffswirrwarr komplett zu machen, wird die Störung im englischen Sprachraum auch "hidden depression" oder "masked depression" bezeichnet – also eine versteckte oder maskierte Depression. "Letztlich meinen all diese Bezeichnungen weitgehend das Gleiche, nämlich eine Depression, die sich hinter körperlichen Beschwerden verbirgt", erläutert Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie um Universitätsklinikum Leipzig.

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Enge Verbindung zwischen Körper und Psyche

Zwischen dem psychischen und dem physischen Befinden besteht eine sehr enge Beziehung. "Die Depression kann eine Vielzahl körperlicher Folgeerscheinungen nach sich ziehen", sagt Hegerl, der auch den Vorsitzinder der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist. Die krankheitstypische innere Anspannung führe zu einem erhöhten Muskeltonus und begünstige damit Verspannungen, die dann zu Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen führen. Herzstechen, Herzrasen und ein Beklemmungsgefühl in der Brust werden durch den gefühlten Dauerstress ebenfalls befördert. Wenn die Betroffenen auf Grund des Appetitverlusts nur noch wenig essen, entstehen leicht Verdauungsstörungen wie Übelkeit, Blähungen oder Verstopfung. Wenn die Seele belastet ist, geht schnell der Antrieb verloren. In der Folge bewegen sich viele Betroffene nicht mehr so viel wie zuvor. Gerade bei älteren Menschen kommt es dann rasch zum Abbau der Muskulatur, der Gelenk- und Rückenbeschwerden weiter verstärken kann.

Dass sich eine Depression in dieser Art auf den Körper auswirkt, hierfür sei ein zweiter Mechanismus noch entscheidender, sagt Psychiater Ulrich Hegerl: "Wenn man an einer Depression erkrankt, bekommen schon vorhandene körperliche Beschwerden eine andere Qualität." Die Depression mache jede Empfindung zu einer Missempfindung. Das leichte Zwicken im Knie nach einem heißen Match auf dem Tennisplatz, das allmorgendliche kurze Schwindelgefühl beim Aufstehen, die gelegentlichen Kopfwehattacken bei Fönwetter: Solche vermeintlichen Zipperlein, die bis dato problemlos auszuhalten waren, werden zunehmend als unerträglich empfunden.

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Wechselspiel zwischen depressiver Verstimmung und Schmerzen

Wegen dieser Symptome, am häufigsten sind es Schmerzen, suchen die Patienten dann Hilfe beim Arzt. Manche ahnen zwar, dass ihre depressive Verstimmung die Beschwerden zumindest mitverursachen könnte, sprechen dies aber nicht aus, weil es ihnen unangenehm ist. Zumeist stehen die körperlichen Beschwerden im Vordergrund, sodass deren eigentliche Ursache – die Depression – von den Betroffenen übersehen oder höchstens als Begleiterscheinung betrachtet wird. "Ein Grundprinzip der Depression ist, dass sie sich ihr Material sucht", berichtet Hegerl. "Das, was es im Leben des Betroffenen an Negativem gibt, wird dann vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt." Manchmal ist es der Job, manchmal die Beziehung und manchmal eben auch der Körper.

Oft ist der wahre Hintergrund der körperlichen Symptome nur schwer zu erkennen. Mögliche körperliche Ursachen müssen zunächst sorgfältig angeklärt werden. Bei einem aufmerksamen Arzt sollten die Alarmglocken klingeln, wenn keine organische Ursache für die Beschwerden zu finden ist und sie sich trotz Therapie nicht bessern. "Um die Diagnose zu sichern, fragt der Arzt dann gezielt nach den klassischen Zeichen einer Depression", sagt Ulrich Hegerl.

Behandlung mit Antidepressiva und Psychotherapie

Viele Patienten möchten nicht wahrhaben, unter einer Depression zu leiden. Und werfen dem Arzt vor, er nehme ihre Rückenschmerzen, ihre Ohrgeräusche oder ihre Verdauungsprobleme nicht ernst. Der Arzt sollte also geduldig erklären, wie die Symptome mit der Depression in Zusammenhang stehen können. Die Behandlung erfolgt individuell, oft mit Antidepressiva und Psychotherapie. Hat die Therapie die erwünschte Wirkung, und die Aussichten sind gut, schlägt man bei einer "versteckten" Depression zwei Fliegen mit einer Klappe: Mit dem dunklen Schleier über der Seele verschwinden häufig auch die körperlichen Beschwerden. Oder sie schrumpfen zumindest wieder auf ein Maß, das sich ohne größere Einschränkungen ertragen lässt.



Bildnachweis: W&B/Henrik Abrahams, istock/northlightimages

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